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Therapie für Sexualstraftäter (Stuttgarter Nachrichten.de)


 

Neues Projekt in Mannheim soll Rückfallquote senken.

Mannheim - Der jüngste Fall wurde erst vorige Woche abgeschlossen. Der Mörder der 13-jährigen Mirjam aus Auggen kommt für die nächsten 15 Jahre hinter Gitter. Und danach? "Sind die meisten Sexualstraftäter nicht therapiert", sagt der Strafrichter Michael Böhm. Ein Projekt in Mannheim setzt daran an.


VON GREGOR PREISS

aus Mannheim

Fast heimelig wirkt es. Eine geräumige Küche, die Zweier- und Einzelzellen frisch gewienert. Grüne Wände, orangefarbene Türen, große Fenster. Jede mit eigener Nasszelle. Jugendherbergsatmosphäre. Im Vergleich zum 90 Jahre alten Haupttrakt des Mannheimer Gefängnisses "gehobener Standard", wie ein Justizbeamter meint.

Abgetrennt von allen anderen Gefangenen, sitzen hier künftig zehn Sexualstraftäter ein. Acht wegen Kindesmissbrauchs, einer wegen Vergewaltigung, einer wegen sexueller Nötigung. Gefängnispsychologe Matthias Freunscht bezeichnet sie als "soziologisch sehr heterogene Gruppe". Gemeinsam - und freiwillig - werden sie sich in den kommenden Jahren intensiv mit ihren Taten auseinandersetzen. Behandlungabteilung Gewalt- und Sexualstraftäter nennt sich das am Donnerstag vorgestellte Projekt, das zum Ziel hat, die Rückfallquote von Sextätern zu minimieren. Nach Angaben der Initiatoren, der Behandlungsinitiative Opferschutz, handelt es sich bundesweit um das erste Projekt dieser Art.

Die Therapie besteht im Wesentlichen aus drei Elementen: Einzelgespräche, Gruppengespräche und Nachbehandlung im Anschluss an die Haftzeit. "Zunächst einmal geht es darum, dass die Täter begreifen, was sie angerichtet haben", erklärt Psychologe Freuntsch die Grundzüge der Behandlung. In Rollenspielen sollen sich die Täter in ihr Opfer hineinversetzen und erkennen, dass es sich um kein Bagatellverbrechen gehandelt hat, wie viele annehmen. Zweiter Schritt ist die Normenkontrolle ihrer sexuellen Fantasien. "Dabei geht es um die Wahrnehmung von Gefühlen, um die Geschlechterrolle, um sexuelle Aufklärung im ursprünglichen Sinne", so Freuntsch. Auch hier sei es so, dass sich viele der Abartigkeit ihrer Vorstellungen nicht bewusst seien. Zu guter Letzt wird ein "Rückfallverhütungsplan" aufgestellt, ein Notfallkoffer für die Zeit nach der Haft. Dabei werde versucht, den Tätern Selbstwertgefühl und Spaß an einem "normalen Leben" zu vermitteln.

Banale Dinge eigentlich, doch selbstverständlich sind sie nicht. Von den 453 Sexualstraftätern, die Stand März 2006 in baden-württembergischen Gefängnissen einsaßen, wurden nur 38 in sozialtherapeutischen Einrichtungen betreut. Allen anderen wurde der normale Strafvollzug auferlegt. "Das führt am Ziel vorbei", sagt Michael Böhm von der Behandlungsinitiative Opferschutz.

Dass nur durch immer strengere gerichtliche Sanktionen und durch nachträgliche Sicherungsverwahrungen dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung Rechnung getragen werden kann, sei eine verfehlte Sichtweise, meint Böhm, der zugleich Richter am Oberlandesgericht in Karlsruhe ist. Vielmehr seien Therapieformen, wie sie nun in Mannheim zur Anwendung kommen, das geeignete Mittel, die Rückfallquote von 40 Prozent zu minimieren. Eine Studie aus der Schweiz, wo Sexualstraftäter schon seit längerem von Haftbeginn an individuell betreut werden, belegt dies: Dort hat sich die Rückfallquote halbiert.

"Wenn nur einer der zehn Teilnehmer dauerhaft geheilt wird, hat sich das Projekt schon gelohnt", findet der Psychologe Freuntsch. 100 000 Euro wurden dafür veranschlagt; auf Initiative der CDU-Fraktion steuert das Land 70 000 Euro bei, der Rest speist sich aus Spenden an die Behandlungsinitiative Opferschutz. Justizminister Ullrich Goll (FDP) spricht ebenfalls von einer "sinnvollen Investition in die Sicherheit der Menschen" - wenngleich sein Sprecher darauf verweist, dass in allen Gefängnissen des Landes Therapiemöglichkeiten für Sexual- und andere Straftäter bestehen. Allerdings nicht in dieser Form. Mehr ist schon finanziell nicht darstellbar, darin sind sich die Beteiligten einig. Angesichts der vermeintlichen Annehmlichkeiten für Vergewaltiger und Kinderschänder liest sich die Initiative Opferschutz für viele andere wohl wie eine Initiative Täterschutz. Der Mannheimer Anstaltsleiter Romeo Schüssler winkt ab: "Das Behandlungszentrum ist kein Streichelzoo." Nirgendwo sonst finde eine so ausgeprägte Konfrontation mit dem eigenen Verbrechen statt.
 

16.11.2007 - aktualisiert: 16.11.2007 06:43 Uhr
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