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Immer brutalere Übergriffe (ka-news.de)

http://www.ka-news.de/karlsruhe/news.php4?show=mwz2008110-491D


Behandlung der Straftäter als Opferschutz

Kinder gegen Kinder - nur eine Facette der aktuellen Gewaltdebatte (Foto: pol)
Karlsruhe - Nicht nur das Thema Jugendgewalt beherrscht derzeit die Schlagzeilen (ka-news berichtete) und scheint für manchen Politiker eine Steilvorlage im Wahlkampf (ka-news berichtete). Auch der Schutz vor Gewalt- und Sexualstraften Erwachsener ist anlässlich des jüngst gefassten Sexualstraftäters, der mit seinem "Kätzchentrick" gleich mehrere Male Kinder in Verstecke gelockt hatte (ka-news berichtete), wird der Ruf nach stärkerem Opferschutz stärker. Die Karlsruher Behandlungsinitiative Opferschutz setzt sich für eine Behandlung der Täter im Regelstrafvollzug ein.

Die 2005 gegründete Initiative ist ein beim Oberlandesgericht Karlsruhe ansässiger, interdisziplinärer Zusammenschluss von Richtern, Staatsanwälten, Vollzugsangehörigen, Psychiatern, Psychotherapeuten, Psychologen, Sozialarbeitern, Polizeibeamten, Rechtsanwälten, Wissenschaftler, Politikern und Journalisten, die sich für einen effektiven Opferschutz einsetzt. Ihr Leitmotiv: Die Beseitigung der vor allem im Regelstrafvollzug bestehenden erheblichen Defizite.

2007 Gruppen- oder Einzeltherapien bei 35 Strafgefangenen

Ein Schutz vor Gewalt- und Sexualstraftätern sei allein durch eine immer schärfer werdende gerichtliche Haft- und Sanktionspraxis nicht zu erreichen, so die Behandlungsinitiative Opferschutz. Entsprechend dürften gefährliche Gewalt- und Sexualstraftäter nicht ohne Durchführung einer indizierten deliktsorientierten Therapie aus der Haft entlassen werden. Nur wenn man der bei solchen Tätern oft vorliegenden Persönlichkeitsstörung "auf den Zahn fühlt", könne das Risiko eines Rückfalls deutlich reduziert werden.

JVA Karlsruhe (Foto: ka-news)

Nach dem Vorstoß der Behandlungsinitiative Opferschutz hat der Landtag von Baden-Württemberg Haushaltsmittel von 100.000 Euro für die Jahre 2007 und 2008 zur Behandlung von Gewalt- und Sexualstraftätern zur Verfügung gestellt, durch die im vergangenen Jahr Pilotprojekte in mehreren Haftanstalten durchgeführt werden konnten. Bei 35 Strafgefangenen wurde 2007 mit der Durchführung rückfallreduzierender Gruppen- oder Einzeltherapien begonnen. Zudem wurden die Behandlungsabteilung für "Gewalt- und Sexualstraftäter" in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Mannheim sowie die "Behandlungseinrichtung für schwere Gewalttäter im Regelvollzug" in der JVA Heimsheim eröffnet.

Und junge Gewalttäter, die nicht strafmündig sind?

Für dieses Frühjahr steht die Eröffnung der sozialtherapeutisch ausgerichteten Behandlungsabteilung für Gewaltstraftäter in der JVA Heilbronn an. Zudem will sich die Behandlungsinitiative Opferschutz vor allem mit dem Thema der "Nachsorge" beschäftigen. Zum Opferschutz gehöre es nicht nur, bei Straftätern frühestmöglich während der Haft mit der Durchführung der Therapien zu beginnen, sondern diese auch nach deren Entlassung fortzusetzen.

Und wie sieht die Betreuung von jungen Gewalttätern aus, die noch nicht strafmündig sind und damit nicht in den Genuss solcher Therapien kommen? Das Thema ist auch in Karlsruhe aktueller denn je: Erst unlängst hatte der Fall eines brutalen Übergriffs auf ein zwölf Jahre alte Mädchen einer weiblichen Schlägerbande an der Haltestelle Bannwaldallee für Aufsehen gesorgt (ka-news berichtete). Zwei der Täterinnen waren unter 14 Jahre alt. Bekanntermaßen beginnt die Strafmündigkeit erst mit Vollendung des 14. Lebensjahres.

"Konzentration immer zuerst auf den Täter" - Opfer vernachlässigt?

Fritz Bachholz, Pressesprecher der Polizei Karlsruhe, verweist in diesem Fall auf die Sozial- und Jugendbehörde in Karlsruhe. "Bis zum 18. Geburtstag greift das Jugendstrafrecht, zwischen 18 und 21 Jahren das Heranwachsendenstrafrecht. Hier hat das Gericht zu entscheiden, ob das Jugendstrafrecht angewendet wird", so Bachholz. Bei jungen Gewalttätern unter 14 Jahren gebe es Sozialisierungsmaßnahmen: Die kriminellen Kinder kommen dann unter Umständen ins Heim; den Eltern könnte das Erziehungsrecht entzogen werden.

Therapiebedarf besteht aber nicht nur auf der Seite der Täter, sondern auch (oder gerade) auf Seiten der Verbrechensopfer. "Was immer passiert, man konzentriert sich immer zuerst auf den Täter. Die Opfer werden vernachlässigt. Das ist eine generelle Feststellung", so Erhard Koch, stellvertretender Leiter der Karlsruher Außenstelle der Opferschutzorganisation Weißer Ring. "Die Tendenz der Opferzahlen ist steigend. Ich bekomme täglich Anrufe von Menschen, die Opfer geworden sind und Angstzustände haben", erklärt er gegenüber ka-news.

Sexuelle Übergriffe auf Kinder wirken sich erst Jahre später aus

Ansteigend sei auch die "Brutalität der Übergriffe, vor allem auf Menschen mit Migrationshintergrund". Insgesamt 420 Außenstellen und 3.000 ehrenamtliche Mitarbeiter hat der Weiße Ring. In der Außenstelle Karlsruhe sind 13 Ehrenamtliche tätig. Die Betreuung der Kriminalitätsopfer durch die Karlsruher Hilfsorganisation ist dabei so vielseitig wie die Bandbreite der Straftaten: "Raub, schwere Körperverletzung, auch Stalking ist ein großes Thema", zählt Koch auf.

Wie sieht die Unterstützung des Weißen Rings aus? "Menschlicher Beistand, Zuhören, braucht das Opfer anwaltliche Hilfe, ist das Opfer durch die Straftat in wirtschaftliche Nöte gekommen?", beschreibt er die "Rundumbehandlung", die je nach konkretem Fall variiert. Viele Opfer würden an Psychotherapeuten oder Ärzte weitergeleitet. Die Therapien zahlen in der Regel die Krankenkassen. Das Problem sei laut Koch, dass sich die Fälle sexueller Übergriffe auf Kinder teilweise erst Jahre später auswirken. Übrigens: Der Weiße Ring zahlt dem "Bannwaldallee-Opfer" nun einen Selbstverteidigungskurs! (mwz)


Meldung vom Sonntag, 13. Januar 2008  © ka-news 2008
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