BIOS schließt Kooperationsvertrag mit der Evangelischen Landeskirche Baden.

fab logo

Opferschutz-Partner


BIOS-Newsletter Empfange HTML?
Besucher heute:21
Besucher gestern:25
Besucher diesen Monat:238
Besucher dieses Jahr:4046
Tägliche Besucher:5716
Montliche Besucher:8421

Mehr Sicherheit durch Therapie n-tv.de

http://www.n-tv.de/893365.html

 



Experten zufolge reichen harte
Strafen alleine nicht aus
 
Sonntag, 16. Dezember 2007

Gewaltverbrecher
Mehr Sicherheit durch Therapie

 

Es sind grauenvolle Morde wie jener an der 16-jährigen Carolin im Sommer 2005, die Forderungen nach mehr Härte gegen Gewaltverbrecher seit Jahren Konjunktur verleihen. Forderungen, die längst erfüllt sind: Der Gesetzgeber hat die Strafen für Sexualdelikte deutlich nach oben geschraubt, und die Richter greifen härter durch - Haftstrafen über fünf Jahre für Vergewaltiger werden heute doppelt so häufig verhängt wie vor wenigen Jahren. Gegen den Mörder von Carolin, einen vorbestraften und dann nicht austherapierten Vergewaltiger, packte die Justiz gar das gesamte Instrumentarium aus: lebenslang, besondere Schwere der Schuld, Sicherungsverwahrung.
 
Doch machen härtere Strafen die Welt wirklich sicherer? Die Expertenkritik am Trend zum Wegsperren wird lauter. Richter, Gefängnisleiter und Psychologen mahnen seit langem, dass sich eine psychische Störung des Täters nicht in Luft auflöst, nur weil er ein paar Jahre hinter Gittern verbracht hat. Und weil nur drei Prozent der Täter zu lebenslang verurteilt werden, verlassen die meisten irgendwann das Gefängnis - nicht selten als tickende Zeitbomben, wenn sie zuvor nicht behandelt und therapiert worden sind. Einige der Kritiker haben nun in Baden-Württemberg die "Behandlungsinitiative Opferschutz" gegründet: Mit drei Modellprojekten wollen sie die Therapiemöglichkeiten verbessern.
 
Zwei der Initiatoren, die beiden Karlsruher Strafrichter Klaus Böhm vom Oberlandesgericht und Axel Boetticher vom Bundesgerichtshof, erinnern an den Anfang der Carolin-Tragödie: Der Mörder des Mädchens war nach sieben Jahren Haft erst zwei Wochen vor der Tat entlassen worden. Jahrelang hatte er immer wieder hatte er eine Sozialtherapie beantragt, war aber als nicht therapiefähig eingestuft worden - erst ein Jahr vor seiner Entlassung begann die Behandlung. Zu spät, um den schwer persönlichkeitsgestörten Mann noch erfolgreich zu therapieren.

 


Carolin wurde 2005 von einem
vorbestraften und nicht austherapierten Vergewaltiger ermordet.
 

 

Dass Therapien kein Wellnessprogramm im Wohlfühlknast sind, sondern messbar Sicherheit schaffen, lässt sich wissenschaftlich belegen. Eine Studie des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes im Justizvollzug Zürich unter 300 Häftlingen stellte eine Senkung der Rückfallquote um 50 Prozent fest, wenn Täter mit einer speziell auf sie zugeschnittenen Therapie behandelt werden. Andere Untersuchungen, wie die des Psychiaters Hans-Ludwig-Kröber von der Berliner Charité, kommen zu ähnlichen Ergebnissen.
 

Den in Zürich erprobten Ansatz einer "deliktsorientierten" Mischung aus Gruppen- und Einzeltherapie will die Behandlungsinitiative nun in Baden-Württemberg umsetzen. Vor kurzem wurde das Therapieprojekt für Sexualstraftäter in der Vollzugsanstalt Mannheim gestartet, am Freitag folgte Heimsheim mit einem Programm für Gewalttäter. Wenn auch das dritte Projekt in Heilbronn läuft, werden etwa 35 Täter für ein straffreies Leben in Freiheit geschult.
 
Das ist nicht viel. Allein wegen Sexualdelikten sitzen in Baden- Württemberg 450 Täter in Haft. Andererseits ist der Preis gering: Je 100.000 Euro für 2007 und 2008 hat die CDU-Landtagsfraktion aus ihren Haushaltsmitteln locker gemacht, etwa 20.000 Euro hat die Initiative eingeworben. Dennoch bleibt das vorerst ein Tropfen auf dem heißen Stein. Denn mehr als die Hälfte aller 8300  Strafgefangenen in Baden- Württemberg erhält überhaupt keine Behandlung, wie Böhm in einer Fachzeitschrift schreibt.
 
Bundesweit sind zwar in den vergangenen Jahren viele neue Plätze in speziellen sozialtherapeutischen Anstalten geschaffen worden. Schwierigkeiten bereitet den Therapeuten aber ein anderer Trend. In den letzten zehn Jahren haben viele Bundesländer sogenannte Vollzugslockerungen zusammengestrichen. Der offene Vollzug wurde in Hamburg auf weniger als ein Drittel zurückgefahren, ähnlich in Hessen, in Bremen hat sich die Zahl halbiert. Auch Hafturlaube werden reduziert - obwohl die ersten vorsichtigen Schritte in die Freiheit eigentlich zum therapeutischen Konzept gehören, wie der Leiter der Sozialtherapie im Gefängnis Lingen, Bernd Wischka, kritisiert: "Wir haben immer mehr Leute, die nicht auf ihre Entlassung vorbereitet sind."
 
Von Wolfgang Janisch, dpa

© n-tv.de

 

QR-Code dieser Seite