Therapie soll mehr Sicherheit bringen (gea.de)

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Justizvollzug - Fachleute gegen Trend zum Wegsperren. »Behandlungsinitiative Opferschutz« will neue Wege gehen

Therapie soll mehr Sicherheit bringen

VON WOLFGANG JANISCH

KARLSRUHE. Es sind grauenvolle Morde wie jener an der 16-jährigen Carolin im Sommer 2005, die den Forderungen nach mehr Härte gegen Gewaltverbrecher seit Jahren Auftrieb verleihen. Forderungen, die längst erfüllt werden: Der Gesetzgeber hat die Strafen für Sexualdelikte deutlich nach oben geschraubt, und auch die Richter greifen härter durch - Haftstrafen über fünf Jahre für Vergewaltiger werden heute doppelt so häufig verhängt wie noch vor wenigen Jahren. Gegen den Mörder von Carolin, einen vorbestraften und dann nicht austherapierten Vergewaltiger, packte die Justiz gar das gesamte Instrumentarium aus: lebenslang, besondere Schwere der Schuld, Sicherungsverwahrung.

Richter und Psychologen warnen

Doch machen härtere Strafen die Welt wirklich sicherer? Die Expertenkritik am Trend zum Wegsperren wird lauter. Richter, Gefängnisleiter und Psychologen mahnen seit Langem, dass sich eine psychische Störung des Täters nicht in Luft auflöst, nur weil er ein paar Jahre hinter Gittern verbracht hat. Und weil eben nur drei Prozent der Täter zu lebenslang verurteilt werden, verlassen die allermeisten irgendwann das Gefängnis - nicht selten als tickende Zeitbomben, wenn sie zuvor nicht behandelt und therapiert worden sind. Einige der Kritiker haben nun in Baden-Württemberg die »Behandlungsinitiative Opferschutz« gegründet: Mit drei Modellprojekten wollen sie die Therapiemöglichkeiten im Südwesten verbessern.

Zwei der Initiatoren, die beiden Karlsruher Strafrichter Klaus Böhm vom Oberlandesgericht und Axel Boetticher vom Bundesgerichtshof, erinnern an den Anfang der Carolin-Tragödie: Der Mörder des Mädchens war nach sieben Jahren Haft erst zwei Wochen vor der Tat entlassen worden. Jahrelang hatte er Anträge zur Aufnahme in die Sozialtherapie gestellt, erst ein Jahr vor seiner Entlassung begann die Behandlung - zu spät, um den schwer persönlichkeitsgestörten Mann noch erfolgreich zu therapieren.

Dass Therapien kein Wellnessprogramm im Wohlfühlknast sind, sondern messbar Sicherheit schaffen, das lässt sich inzwischen wissenschaftlich belegen. Eine Studie des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes im Justizvollzug in Zürich unter 300 Häftlingen stellte eine Senkung der Rückfallquote um 50 Prozent fest, wenn Täter mit einer speziell auf sie zugeschnittenen Therapie behandelt werden. Andere Untersuchungen, wie die des Psychiaters Hans-Ludwig-Kröber von der Berliner Charité, kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Den in Zürich erprobten Ansatz einer »deliktsorientierten« Mischung aus Gruppen- und Einzeltherapie will die Behandlungsinitiative nun in Baden-Württemberg umsetzen. Vor kurzem wurde das Therapieprojekt für Sexualstraftäter in der Vollzugsanstalt Mannheim gestartet, am Freitag folgte Heimsheim mit einem Programm für Gewalttäter. Wenn auch der dritte Teil des Projekts in Heilbronn läuft, werden etwa 35 Straftäter für ein straffreies Leben in Freiheit geschult.

CDU-Fraktion macht Geld locker

Das ist nicht viel. Allein wegen Sexualdelikten sitzen in Baden-Württemberg 450 Täter in Haft. Andererseits ist der Preis der erhöhten Sicherheit verblüffend gering: Je 100 000 Euro für 2007 und 2008 hat die CDU-Landtagsfraktion aus ihr zustehenden Haushaltsmitteln locker gemacht, etwa 20 000 Euro hat die »Behandlungsinitiative« eingeworben.

Dennoch bleibt das vorerst ein Tropfen auf dem heißen Stein. Mehr als die Hälfte aller 8 300 Strafgefangenen im Land erhalten überhaupt keine Behandlung. Auch CDU-Fraktionschef Stefan Mappus, der den Weg für das Engagement seiner Fraktion ebnete, sieht im Südwesten »Nachholbedarf«, weil ein Großteil der inhaftierten Sexualstraftäter nicht individuell behandelt werde.

Bundesweit sind zwar in den vergangenen Jahren viele neue Plätze in speziellen sozialtherapeutischen Anstalten geschaffen worden. Schwierigkeiten bereitet den Therapeuten aber ein anderer Trend: In den letzten zehn Jahren haben viele Bundesländer sogenannte Vollzugslockerungen drastisch zusammengestrichen. (dpa)

Psychisch gestörte Täter sollen Schuldbewusstsein entwickeln
Pilotprojekte in Gefängnissen in Baden-Württemberg sollen die Rückfallquote schwerer Gewalt- und Sexualstraftäter reduzieren: So werden in Heimsheim acht Häftlinge therapiert, die wegen Mordes, Totschlags oder gefährlicher Körperverletzung zu mehrjähriger Haft verurteilt wurden. Für die Teilnahme müssen psychische Störungen bereits im Vorfeld der schweren Gewalttat erkennbar gewesen sein. Die Häftlinge bekommen zwei Jahre lang eine kombinierte Einzel- und Gruppenpsychotherapie. Ziele: Die Häftlinge sollen Verantwortung für die Straftat übernehmen, Schuldbewusstsein entwickeln und sich in die Opfer hineinversetzen. Sie sollen lernen, sich selbst kritisch zu betrachten und Selbstvertrauen aufzubauen. (dpa)

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