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Therapieren statt nur wegsperren (stuttgarter-zeitung.de)

http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/1591021?lastupdate=2007-12-14_16:03:51

Therapieren statt nur wegsperren

 



Sexualstraftäter einfach wegsperren? Um die Rückfallquote zu senken,
will eine Initiative die Therapie im Knast ausbauen. Foto: dpa

Kritiker des praktizierten Systems, Täter einfach wegzusperren, gründen die
"Behandlungsinitiative Opferschutz"

Karlsruhe - Es sind grauenvolle Morde wie jener an der 16- jährigen Carolin im Sommer 2005, die Forderungen nach mehr Härte gegen Gewaltverbrecher seit Jahren Konjunktur verleihen. Forderungen, die längst erfüllt werden: Der Gesetzgeber hat die Strafen für Sexualdelikte deutlich nach oben geschraubt und auch die Richter greifen härter durch - Haftstrafen über fünf Jahre für Vergewaltiger werden heute doppelt so häufig verhängt wie noch vor wenigen Jahren. Gegen den Mörder von Carolin, einen vorbestraften und dann nicht austherapierten Vergewaltiger, packte die Justiz gar das gesamte Instrumentarium aus: lebenslang, besondere Schwere der Schuld, Sicherungsverwahrung.

Doch machen härtere Strafen die Welt wirklich sicherer? Die Expertenkritik am Trend zum Wegsperren wird lauter. Richter, Gefängnisleiter und Psychologen mahnen seit langem, dass sich eine psychische Störung des Täters nicht in Luft auflöst, nur weil er ein paar Jahre hinter Gittern verbracht hat. Und weil eben nur drei Prozent der Täter zu lebenslang verurteilt werden, verlassen die allermeisten irgendwann das Gefängnis - nicht selten als tickende Zeitbomben, wenn sie zuvor nicht behandelt und therapiert worden sind. Einige der Kritiker haben nun in Baden-Württemberg die "Behandlungsinitiative Opferschutz" gegründet: Mit drei Modellprojekten wollen sie die Therapiemöglichkeiten im Südwesten verbessern.

Zwei der Initiatoren, die beiden Karlsruher Strafrichter Klaus Böhm vom Oberlandesgericht und Axel Boetticher vom Bundesgerichtshof, erinnern an den Anfang der Carolin-Tragödie: Der Mörder des Mädchens war nach sieben Jahren Haft erst zwei Wochen vor der Tat entlassen worden. Jahrelang hatte er Antrag um Antrag auf Aufnahme in die Sozialtherapie gestellt, erst ein Jahr vor seiner Entlassung begann die Behandlung - zu spät, um den schwer persönlichkeitsgestörten Mann noch erfolgreich zu therapieren.

Therapien sind kein Wohlfühlprogramm

Dass Therapien kein Wellnessprogramm im Wohlfühlknast sind, sondern messbar Sicherheit schaffen, das lässt sich inzwischen wissenschaftlich belegen. Eine Studie des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes im Justizvollzug in Zürich unter 300 Häftlingen stellte eine Senkung der Rückfallquote um 50 Prozent fest, wenn Täter mit einer speziell auf sie zugeschnittenen Therapie behandelt werden. Andere Untersuchungen, wie die des Psychiaters Hans-Ludwig-Kröber von der Berliner Charité, kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Den in Zürich erprobten Ansatz einer "deliktsorientierten" Mischung aus Gruppen- und Einzeltherapie will die Behandlungsinitiative nun in Baden-Württemberg umsetzen. Vor kurzem wurde das Therapieprojekt für Sexualstraftäter in der Vollzugsanstalt Mannheim gestartet, am Freitag folgte Heimsheim mit einem Programm für Gewalttäter. Wenn auch der dritte Teil des Projekts in Heilbronn läuft, werden etwa 35 Straftäter für ein straffreies Leben in Freiheit geschult.

450 Sexualstraftäter allein im Land

Das ist nicht viel. Allein wegen Sexualdelikten sitzen in Baden-Württemberg 450 Täter in Haft. Andererseits ist der Preis der erhöhten Sicherheit verblüffend gering: Je 100.000 Euro für die Jahre 2007 und 2008 hat die CDU-Landtagsfraktion aus ihr zustehenden Haushaltsmitteln locker gemacht, etwa 20.000 Euro hat die "Behandlungsinitiative" eingeworben.

Dennoch bleibt das vorerst ein Tropfen auf dem heißen Stein. Mehr als die Hälfte aller rund 8300 Strafgefangenen in Baden-Württemberg erhalten überhaupt keine Behandlung, schreibt Böhm in einer Fachzeitschrift. Auch CDU-Fraktionschef Stefan Mappus, der den Weg für das Engagement seiner Fraktion ebnete, sieht im Südwesten "Nachholbedarf", weil ein Großteil der inhaftierten Sexualstraftäter nicht individuell behandelt werde.

Bundesweit sind zwar in den vergangenen Jahren viele neue Plätze in speziellen sozialtherapeutischen Anstalten geschaffen worden. Schwierigkeiten bereitet den Therapeuten aber ein anderer Trend. In den letzten zehn Jahren haben viele Bundesländer sogenannte Vollzugslockerungen drastisch zusammengestrichen. Der offene Vollzug wurde in Hamburg auf weniger als ein Drittel zurückgefahren, ähnlich sieht es im ehemals liberalen Hessen aus, und in Bremen hat sich die Zahl halbiert. Auch Hafturlaube werden reduziert - obwohl die ersten vorsichtigen Schritte in die Freiheit eigentlich zum therapeutischen Konzept gehören, kritisiert Bernd Wischka, Leiter der Sozialtherapie in der Justizvollzugsanstalt Lingen: "Wir haben immer mehr Leute, die nicht auf ihre Entlassung vorbereitet sind."

dpa/lsw
14.12.2007 - aktualisiert: 14.12.2007 16:03 Uhr


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