BIOS schließt Kooperationsvertrag mit der Evangelischen Landeskirche Baden.

fab logo

Opferschutz-Partner


BIOS-Newsletter Empfange HTML?
Besucher heute:13
Besucher gestern:9
Besucher diesen Monat:402
Besucher dieses Jahr:2394
Tägliche Besucher:5716
Montliche Besucher:8421

Therapieren statt Wegsperren (fr-online.de)

Schutz vor Sexualstraftätern

Therapieren statt Wegsperren

Viele Sexualstraftaten könnten nach Überzeugung von Experten verhindert werden,
wenn Täter nicht nur weggesperrt, sondern therapiert würden.

Einige Politiker beginnen umzudenken und wollen die Rückfallquoten senken.
     
Karlsruhe - Noch nie saßen in Deutschland so viele Straftäter im Gefängnis. Das Statistische Bundesamt zählte zuletzt 64 512 Erwachsene und Jugendliche, die eine Haft verbüßen. Ursache für den Rekord ist jedoch nicht wachsende Kriminalität. Die Fallzahlen sinken, wie der vor vier Monaten erschienene Sicherheitsbericht der Bundesregierung belegt, seit Jahren. Aber die Verurteilten sitzen länger, weil die verhängten Strafen höher sind.

Das entspricht dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung. Denn wer hinter Gittern sitzt, kann keine neuen Straftaten begehen. Diese Sicherheit kann jedoch nur vorübergehend halten. Denn für 62 237 der 64 512 Personen werden sich die Gefängnistore wieder öffnen. Nur drei Prozent haben "lebenslang", 375 Häftlinge befinden sich in Sicherungsverwahrung. Folglich hängt der Schutz der Bevölkerung ganz wesentlich von der Rückfallquote ab. Und da sieht es bisher schlecht aus. Etwa die Hälfte der Inhaftierten wird erneut straffällig, bei jugendlichen Häftlingen ist die Wahrscheinlichkeit sogar noch höher.

Michael Böhm, Strafrichter am Oberlandesgericht Karlsruhe, fordert seit langem mehr Weitsicht beim Opferschutz. "Nach wie vor werden Gewalt- und Sexualstraftäter ohne notwendige Therapie nach Verbüßung ihrer Haftstrafe entlassen und stellen deshalb eine erhebliche Gefährdung der Bevölkerung dar", schreibt Böhm in einem aktuellen Beitrag der Zeitschrift für Rechtspolitik. Therapien für Straftäter seien entgegen der landläufigen Meinung nicht unnütz, sondern nach wissenschaftlichen Studien ein wirkungsvolles Mittel, potenzielle Opfer zu schützen. "Neuere Untersuchungen gehen sogar davon aus, dass durch intensive Behandlungsmaßnahmen die Rückfallquote bei Sexualstraftätern mehr als halbiert werden kann", schreibt Böhm und bezieht sich auf Erhebungen in Zürich und Österreich.

Unterstützt wird die These auch von Hans-Ludwig Kröber, Psychiater und Lehrstuhlinhaber an der Berliner Charité. Hans-Ludwig Kröber begutachtet seit vielen Jahren Straftäter;

 

 

Strafvollzug

Im Maßregelvollzug werden Täter behandelt, wenn ein Strafgericht dies anordnet.

"Freiheitsentziehende Maßregeln der Besserung und Sicherung" sind die Unterbringung psychisch kranker Täter in einem psychiatrischen Krankenhaus (Paragraf 63 Strafgesetzbuch) und die Unterbringung Suchtkranker in einer Entziehungklinik (Paragraf 64).

In der Praxis kommt in den Maßregelvollzug nur, wer wegen der Sucht oder psychischen Erkrankung nicht voll schuldfähig war. Im normalen Strafvollzug aber sind Therapien selten. jow


Nach Untersuchungen Kröbers ist die Rückfallgefahr von Sexualstraftätern weit geringer, wenn sie wegen Persönlichkeitsstörungen in Psychiatrien im so genannten Maßregelvollzug behandelt werden als wenn sie aus dem normalen Strafvollzug entlassen werden. Auf einer Tagung in Mainz mit sieben Psychiatrien, die mit Straffälligen arbeiten, bezifferte Kröber in der vergangenen Woche die Rückfallquote mit zehn bis zwanzig Prozent - statt 50 Prozent im normalen Strafvollzug. "Hier wird sich einiges tun müssen", so das Fazit des Psychiaters.

Für Axel Boetticher, Strafrichter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, sind die Erfolge der Psychiatrien ein klarer Beleg dafür, dass therapeutische Arbeit mit Straffälligen Früchte trägt. Angesichts leerer Kassen werde aber im Normalvollzug zu wenig und viel zu spät mit den Häftlingen gearbeitet - und damit am falschen Ende gespart.

Baden-Württemberg hat nun umgedacht. Auf Initiative der dortigen CDU-Fraktion wurden erstmals 100 000 Euro pro Jahr für einen Modellversuch zur Verfügung gestellt. Justizminister Ullrich Goll (FDP) will Sexualstraftäter früher therapieren und verweist auf die Erfolge in Zürich. Die Erkenntnis, dass Resozialisierung kein "Sozialklimbim" ist, wächst. "Das ist eine sinnvolle zusätzliche Investition in die Sicherheit der Menschen", so Goll. Ursula Knapp


[ document info ]
Copyright © FR online 2007
Dokument erstellt am 02.04.2007 um 17:12:02 Uhr
Letzte Änderung am 02.04.2007 um 18:14:31 Uhr
Erscheinungsdatum 03.04.2007
 

QR-Code dieser Seite